INERVIEW mit Tobias Kegler


TK. Viele Deiner Zeichnungen zeigen Landschaften oder Auszüge aus Landschaften. Sind dies reale Situationen, die Du in der Natur gefunden, und künstlerisch interpretiert hast? Was reizt Dich am Zeichnen von Landschaften?

OM. Um diese Frage zu beantworten, muss Ich Ihnen erstmal etwas über meine Arbeit erzählen. Generel fange Ich mit einer Idee an, ein Koncept, ein Gefühl. Nach dieser Idee, denke Ich an eine Komposition, eine Manipulation. Danach suche Ich aus meinen Landschaftskollektion, die die am besten zu meinem Projekt passen.
Ich fotografiere Landschaften, die ich auf meinen Reisen sehe. Ich nehme diese Landschaften mehr wahr, als Material als ein Subjekt für meinen Zeichnungen. Die Landschaft ist ein Werkzeug in der gleichen Weise wie Tinte oder Papier. Generel benutze Ich lieber banale Landschaften. Es geht nicht darum, in Bewunderung oder Kontemplation zu sein für die außergewöhnlichen Landschaften, sondern im Gegenteil, dass jeder sie sich zu eigen machen kann, um Platz für meine Manipulation zu schaffen.
Wenn ich mich für Zeichnungen von Landschaften entschieden habe, statt Porträts zum Beispiel, ist es immer einfacher sich eine Landschaft anzueignen, als Das Gesicht von jemand anderen. Durch diese Anereignung stelle ich die Problematik der Frage der Zeit.


TK. Das kleinste Element Deiner Zeichnungen ist der kurze schwarze Stich auf weissem Papier - ich muss dabei an das binäre System denken, in dem auch Computer programmiert werden (00110101010) und aus dem sehr komplexe Strukturen wie Software, oder in Deinem Falle verdichtete und plastische Landschaften entstehen. Was ist für Dich das besondere am kleinen schwarzen Strich und dem leeren, weissen Blatt Papier darunter?

OM. Für mich geht es darum, zum minimalen Wesen der Zeichnung zurückzukehren: Linie und Papier. Das ist das erste, was mir als Kind daran gefallen hat, und nach einigen Flüchten zur Fotografie und Malerei, bin Ich darauf zurückgekommen, zunächst aus einer kontextuellen Notwendigkeit heraus, und dann aus künstlerischer Notwendigkeit. Kontextbedingte Notwendigkeit, weil vor zwölf Jahren, kurz bevor ich nach Berlin kam, musste Ich mein Atelier und meine Wohnung verlassen um auf engstem Raum zu leben. Also ließ ich meine großen Leinwände und meine Farbtöpfe zurück, für kleine, leicht transportierbare Blätter. Künstlerische Notwendigkeit, denn auch ich musste mich wieder auf eine Form des Wesentlichen konzentrieren. Entfernen Sie alle Beschönigungen, um eine Idee, eine Frage, eine Emotion vorzubringen. Die Farbe war für mich überflüssig.
Mir gefällt auch die Idee eines Elements, das unendlich vervielfältigt werden kann. Ich finde, dass es mit einer einfachen Linie und einem einfachen Papier schon so viel zu tun hat. Schließlich ist auch die Idee, die mir immer im Kopf liegt, dass das unendlich Große aus dem unendlich Kleinen zusammengesetzt ist. Dass der Blick in die Ferne und der Blick in die Nähe unterschiedliche Standpunkte bieten. Dass jedes Teilchen das Ganze ergibt im Leibnitz-Stil wenn er über das Rauschen der Wellen schreibt, durch die Bewegung vieler einzelner Wassertropfen hervorgerufen wird.
Schließlich bin ich besonders am Weiß des Papiers interessiert.
Um die Balance zu finden, zwischen dem was gezeichnet ist und was nicht. Zeichnen um die leere Oberfläche des Papiers sichtbar zu machen. Um weiße Materie, Licht, Bewegung, Bruch...


TK. In früheren Arbeiten waren oft Personen zu sehen, nicht selten ganze Ansammlungen von Menschen. In den jüngeren Arbeiten verschwinden diese komplett aus deinen Zeichnungen, die konstruierte Natur steht alleine. Was hat Dich dazu bewegt, den Menschen aus deiner Kunst auszublenden?

OM. Es ist schwer zu sagen. Zunächst einmal habe ich die Menschen nicht ausgeblendet. Stattdessen habe ich beschlossen, sie zu verkörpern. Die Mensche haben an der falschen Stelle gesucht, Ich beschloss, die falsche Stelle zu zeichnen, derjenige, der zerknittert, gedehnt, überlappt, überbelichtet ist. Einzelpersonen betraten und verließen Grasflächen, Ich manipuliere jetzt diese Oberflächen. Es war mir immer wichtig, diese Verflechtung des Menschen mit der Natur zu zeigen. Es ist nur eine andere Art, sich ihnen zu nähern, weniger illustrativ und körperlich.


TK. Warum hast Du Dich für Berlin Neukölln als künstlerisches Basislager entschieden? Was macht diesen Ort für Dich besonders? Wie würdest Du die Neuköllner Kunstszene beschreiben - im Vergleich zu anderen Städten?

OM. Ich kam 1998 zum ersten Mal nach Berlin, vor mehr als 20 Jahren für eine Residenz für junge Künstler. Es war liebe auf den ersten Blick. Aus Toulouse in Südfrankreich kommend, war Ich begeistert. Nach diesem einmonatigen Aufenthalt hatte ich bereits beschlossen, dass ich eines Tages zurückkommen würde, um dort zu leben.
Nachdem ich die Schule beendet hatte und einer Trennung, habe Ich es nicht in Frage gestellt, es war an der Zeit. So kam ich zehn Jahre später ein zweites Mal nach Berlin zurück, und es fühlte sich wie zu Hause an. Ich habe den Spielplatz gefunden, den ich brauchte, Raum, eine Form von Freiheit, von Möglichkeiten, was berauschend und anregend war. Die vielfalt der Mischung von Kulturen und Sprachen, die unbefriedigte Neugier, die ich hatte, ist dort aufgeblüht.
Neukölln war die natürliche Wahl, da ich dort meine Freunde hatte...Für mich ist es vor allem mein Kiez, und das ist das Berlin, das mir ans Herz gewachsen ist. Die künstlerische Energie ist dort international, unprätentiös, experimentell und erklärt weitgehend meine Verbundenheit mit Berlin.